Winnimunth

In stumpfer Verkommenheit lag das Moor in den gelbbraunen Dünsten des Mittags. Klägliches Schilf zitterte und surrte verstört im Wind, der ungeduldig vom See herüberkam. Zwischen den Schilfinseln glänzte ölig das Wasser, von Gewürm beunruhigt, von Schlangen durchfurcht. Weithin schwang der Brodem der Öde.
Am festeren Ufer schlenderte der Teufel vorbei und sah über die kümmerliche Wildnis hin. 'Schön!' knurrte er, 'sehr schön, aber immer dasselbe. Langweilig wirds. Etwas Neues müßte da einmal geschehen!' Ärgerlich fing er eine Maus, die piepsend über den Weg lief, und fraß sie schmatzend.

Drüben aber, näher am See, wo das Wasser reiner an die Schilfinseln schlug, stand zwischen Binsen und Rohr eine Schwertlilie und hob die Knospen verlangend ins Licht. Doch diese Lilie hatte der Teufel nicht gesehen.
Es kam eine Nacht, die war von Südwind und Sehnsucht schwer. Klagend rauschte das Schilf und zitternd spielten die Wellen. In unheimlicher Ballung lastete unter den Bäumen am Ufer die lichtlose Nacht, draußen im See aber spiegelte sich aus der Himmelshöhe ein fremder Stern, ein lichter Amethyst auf der Stirn der schwarzblau wandernden Welt.
Der Glanz des Sterns webte und schwang über der Wildnis und weckte ein sehnendes Raunen. Aus dem toten Röhricht hob es sich wie suchende Arme. Lichter und verlangender aber als irgendwo schwebte der Sternenglanz über der schlafenden Schwertlilie.

Da öffnete sie träumend die Kelche. Leiser und heimlicher ging nun der Wind, der die Harrenden wiegt. Über die oberste, kaum erblühte Knospe, wie das Antlitz des Sternes selber durchsichtig verhangen, senkte sich aus Licht und Tau ein zartes Gespinst. Die Lilie erzitterte. Da löste sich das Gewirk wie ein Hauch und ein leuchtender Tautropfen sprang in den Schoß des Kelches hinab.
Durch die schwebende Stille zog singend der Wind, der das Werdende wiegt. 'Winnimunth!' klang verhalten ein Ruf über die nebelatmenden Wasser. Die Blätter des Kelches breiteten sich wie schenkende Hände und es hob sich daraus ein schwingendes, selig sich dehnendes Lichtwesen wie eines Kindes Gestalt.
'Winnimunth!' klang es wieder, nun von den Sternen herab. Da stand das atmende Licht schwebend auf der fliederblauen Lippe des Lilienkelches. Es sah, wie ringsum alles Form und Gestalt hatte, wie selbst im durchsichtig zarten Blütenblatt unter ihm das Leben durch festes Gefüge von Kammern und Äderchen floß, das Leben, in aller gefährdeten Schönheit bezwingend und stark. Es empfand sich selbst, schleierhaft ungewiß auf der Lilienlippe stehend. Da wandte sich sein Herz zu den Lichtströmen des fremden Wanderers auf der Himmelshöhe. 'Gib mir einen Leib, mein Vater, abgegrenzt und gesichert wie alles andere ringsum. Zu leicht bin ich für diese Erde. Nicht nur ahnen will ich das Leben!'
Die Stimme des Sterns drang herab aus der Höhe: 'Du Himmelswesen, was verlangst du? Bleib wie du bist, ungreifbar und dennoch atmendes irdisches Leben. So ritzt dich kein Dorn, so sengt dich kein Blick, kein Leid rührt dich an, nicht Schuld je noch Reue!' Doch Winnimunths Herz hielt seine Wünsche fest. Da neigte er sich gewährend. Und wie die Nacht zur heimlichsten Tagesferne sank und der Stern in ihr ein himmelweites meerblaues Glühen ward, da wandelte sich das hauchzarte Lichtwesen zu einer herben Mädchengestalt. Unter ihren Füßen bog sich mählich das Blumenblatt und sie glitt herab zur Erde, in Menschengröße, staunend selbst und umstaunt von allem Lebendigen. Hüllenlos glänzte ihr Leib wie Schwanensilber, nur die Schultern bedeckt von seidig flutenden Locken. Selig dehnte sie die Arme der irdischen Welt entgegen, die ihr neu und weit, erfüllt von faßbarem Reichtum schien. 'Winnimunth, Königin alles Lebendigen' warben wie Glockenklang vertrauende Stimmen um sie.

Da erschrak sie plötzlich. Aus dem Dunkel vom Ufer her glommen grün zwei gierige Lichter. Da drüben stand der Teufel und rieb sich nun ärgerlich die Augen. 'Alles verschwimmt in dem albernen Sternenlicht' sagte er. 'War mir doch, als sei da drüben was Neues, was sehr Lebendiges!'
Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und starrte wieder hinüber. Dann schüttelte er den Kopf. 'Ich will wieder nachschauen kommen, wenn das Licht hart und gediegen ist, nicht wie jetzt ein so dummes Geflimmer.' Er kehrte sich ab und schlich weiter auf seinem Raubweg.
Winnimunth sah ihm nach und zitterte. Hilfesuchend streckte sie die Arme aus und schlang sich das Sternenlicht, das sie umwogte, eng um den bebenden Leib, als ein fliederfarbenes Gewand, in seiner Verfestigung nur noch irdisch leuchtend. Aus dem schwingenden Lichtband, das wie eine schmale, ungewisse Brücke zwischen ihr und dem Sterne stand, löste sie zartsilberne Bänder, wand einen Gürtel daraus und flocht sich Schuhe.
Beruhigt wanderte sie nun mit leichten Füßen über den schwankenden Grund, durch Schilf und Binsen. Die Halme nickten und neigten sich, wenn sie vorüberschritt, und wenn ihr Blick auf sie gefallen war, dann standen sie stolz, als wären sie Rosen und Lilien.

Als aber ihr Stern über den Himmel gewandert war und sein Licht im Westen erstarb, wurde Winnimunth müde. Sie streckte sich am Ufer unter überhängenden Sträuchern auf die Erde und schlief ein.
In den nächsten Tagen schuf sie sich aus Zweigen und Moos eine Hütte, tief verborgen im Gesträuch. Tagsüber schlief sie hier, denn noch schmerzte sie das Sonnenlicht und sie fühlte sich in seinem hellen, harten Schein allen Gefahren ausgeliefert. Nur unter den Schleiern der Sternenflammen wanderte sie durch ihr Reich. Im Lauf der Monde verwandelten sich die schilfbestandenen Ufer des Sees unter ihren Blicken und der Berührung ihrer Hände in ein Blumenland. Die Schlangen und das Gewürm zogen sich in die entlegensten Schlupfwinkel des Moores zurück, auf andere Zeiten lauernd.
Eines Mittags kam der Teufel abermals vorbei. Diesmal schritt er eilig dahin, denn er mußte in Geschäften nach auswärts. Plötzlich stutzte er und nahm sich die Zeit, umherzuschnobern und zu schnüffeln. Prüfend zog er die Luft durch die Nüstern, dann schüttelte er zweifelnd den Kopf. 'Es ist nichts Bestimmtes auszumachen', knurrte er, 'aber irgendwo hier herum tut sich etwas, das ist sicher! Ich muß einmal gründlich nachsehen, wenn ich mehr Zeit habe.' Er schritt wieder eilig aus, nah an dem Häuschen vorbei, in dem Winnimunth schlief. Und sie erschauerte im Schlafe.

Ein Morgen kam, der in blendender Helle alle Weiten aufriß. Winnimunth konnte keinen Schlaf finden. Es zog sie hinaus in den schneidend weiß flammenden Tag. Halb freudig, halb widerstrebend, von traurigen Ahnungen durchzittert, trat sie hinaus ins Freie. Der See und die Ufer, ihr irdisches Heimatland, sonst geheimnisvoll verzaubert von den blauen Feuerfahnen des Sternenlichts, lag ernüchternd offen, gnadenlos entblößt, keine Unvollkommenheit und Häßlichkeit mehr verschweigend, im scharfen Prall des Tages. 'Das ist meine Heimat nicht mehr!' klagte sie. Trotzdem ließ sie ihre Blicke in die Nähe und Ferne schweifen, um das vertraute Schöne vielleicht anders neu zu entdecken.
Und sie atmete auf. Wenn auch die geheimnisvolle Schönheit ihres Landes und ihr Vertrauen zu ihm versunken waren, so gab es dennoch so viel einzelnes Neue zu sehen, das ihren Blick fesselte und die Leere in ihrem Herzen auszufüllen schien. Es schien ihr, als könnte sie sich mit dem Verlust des Früheren abfinden.

Da knatterte ein grelles Lachen über den See hin. Drüben am anderen Ufer stand der Teufel, lugend und schnüffelnd. Winnimunth floh entsetzt in ihre Hütte. Der Teufel sah ihr nach und grinste. Wohlgelaunt riß er einen Baum aus, warf ihn ins Wasser, setzte sich rittlings darauf und kam breitmächtig über den See her gefahren.
Der Baum stieß ans Ufer, der Teufel sprang herab und erklomm die Böschung, wo er Winnimunth gesehen hatte. Da schlug ihm eine dornige Rosenranke ins Gesicht. Ärgerlich schnappte er danach, biß sie ab und betrachtete sie. 'Was einem alles vorkommt!' sagte er staunend. Neugierig zupfte er die Blumenblätter aus. In seinen Klauen krümmten sie sich und verdorrten. 'Wie schnell das fade Weiß und Rosa zu kräftigen Braun und Schwarz wird!' stellte er vergnügt fest. 'Ich brauche es nur anzugreifen. Wahrhaftig, ich bin ein großer Zauberer! Und wie das langweilige nachgiebige Zeug jetzt raschelt und knistert und sich zerkrümeln läßt!' Er blies den Staub von seiner Hand und riß andere Ranken herab.
Da kam Winnimunth angstvoll hervor. 'Tu das nicht, lieber Mann', bat sie, 'tut es dir nicht leid um die schönen Blumen?' 'Oh!' schnaufte der Teufel und riß die Augen auf, wie er Winnimunth so aus der Nähe sah, 'wie lieblich und fein!' Er grinste niederträchtig. 'Hab nur Geduld, mein Herzchen, ich komme schon auch zu dir! Laß mich nur erst noch einige Blumen betrachten.' Vor seinen gierigen Blicken floh Winnimunth zitternd in ihr Haus und verbarg sich hinter dem Lager.

Der Teufel kam ihr langsam nach. Er trat in das Häuschen und sah sich um. 'Gut, gut!' nickte er gönnerhaft. Er tappte hierhin und dorthin. Winnimunth schien er nicht zu bemerken. Er beschnupperte dies und das und kam schließlich an ihr Lager. Er riß die seidige Distelwolle heraus und ließ sie in Flocken durch die Luft flattern. Dann faßt er mit plötzlichem Griff hinter das Bett und riß Winnimunth hervor. Halb ohnmächtig vor Angst hing sie in seinen Armen. 'Ich tu dir nichts, gar nichts!' sagte er gierig grinsend, 'still! Ich muß dich ganz aus der Nähe betrachten, ha!' Mit schleimiger Freundlichkeit begann er ihre Locken zu zausen.
Da bemerkte er, daß sie über der Stirn einen Goldreif trug. 'Oh, eine Krone hast du auch, ganz wie eine Königin!' Mit spitzer Klaue hakte er den Reif herab und schleuderte ihn zu Boden, daß er mit schmerzlichem Klirren zersprang. 'Und silberne Schuhe!' Er riß sie von ihren Füßen und betrachtete sie. Dann zupfte er die Bänder auseinander, biß hinein und fraß sie hinunter. 'Fein, fein!' grunzte er zufrieden. 'Überhaupt, alles was du an dir hast ...' Er schnalzte wohlig mit der Zunge. Er tastete nach ihrem Gewand. 'Zart wie Seide und doch stark und fest! Aber was brauchst du ein Gewand' sagte er mit feistem Grinsen, 'wenn wir zwei so vertraulich beisammen sind! Noch schöner will ich dich haben!' Er riß und zerrte daran. 'Was weinst du denn, ich tue dir doch gar nichts?' fragte er heuchlerisch die Augen verdrehend.
Wieder zerrte er, da verzog er wehleidig das Gesicht. Er hatte sich eine Klaue eingerissen. 'Das ist ja gar nicht Seide, und sieht doch so zart und zerreißbar aus.' Wieder zerrte er daran. 'Verdammt fest!' knurrte er, nun wütend geworden. 'Sei nicht so fad und spröde!' herrschte er sie an. Sie antwortete nicht und er stand einen Augenblick ratlos. 'Tu es freiwillig herunter, Liebling!' schmeichelte er, 'sei nicht so eiskalt zu mir, hast du denn gar kein Herz für mich? Es ist ja doch nur Liebe. was mich zu dir treibt!'
Sie zitterte nicht mehr und hing stumm und gleichgültig in seinen Armen. 'Nun habe ich dich so fest in meinen Klauen!' brüllte er plötzlich in rasender Wut, 'ganz mein bist du und doch habe ich nichts von dir! Du fühlst nichts und so fühle auch ich nichts!'

Er schleifte Winnimunth vor die Hütte und sah sich mit blutunterlaufenen Augen um. 'Zerreißen, zerreißen!' kreischte er. 'Dort der Hang ist voll Dornenranken und Disteln!'
Er riß sie an den Armen hinter sich her und wirbelte sie durch die Dornenhecken, er zerrte sie durch die Distelfelder und schleifte sie über Steingeröll. Er raste in Zerstörungswut. Die Bäume, an denen er vorübertobte, trat er aus dem Boden, daß sie krachend seitab niederstürzten. er zerstampfte die Blumenpolster, er zerfetzte die Waldrebengehänge und die Rosensträucher, bis alles rund um den See wie durch Wirbelsturm und Hagelschlag verwüstet war. Dann besann er sich wieder auf Winnimunth, die er achtlos mitgerissen hatte bei seinem tobsüchtigen Zerstörungswerk, und schleifte sie jaulend vor Schadenfreude durch das Gewirr zerbrochener Äste und über die zersplitterten Baumstümpfe. Für einen Augenblick hielt er erschöpft inne. Winnimunth hing blutig und wie ohne Leben in seinen Armen, aber ihr Gewand aus Sternenlicht war unversehrt wie vordem.

Der Teufel fluchte in besessener Wut. Er schleuderte sie abermals in die Dornen, er sprang mit ihr in den See, schleifte sie durch den Schlamm, mitten durch das aufgestörte Gewürm und die erbost zischenden und schnappenden Schlangen, er riß Winnimunth hoch und ließ sie auf den seichten Ufergrund prallen, er schüttelte sie wie rasend und fuhr mit ihr durch die Luft gleich einem feurigen Kreisel. Wahnwitzig jaulte und tobte der Teufel.
Schließlich taumelte er erschöpft zu Boden und ließ Winnimunth los. Ihr Gewand war immer noch unversehrt. Als er wieder zu Kräften gekommen war, sprang er auf und trat Winnimunth, die reglos am Boden lag, mit dem Fuß in die Seite. 'Nichts habe ich gehabt von alledem!' fuhr er sie zähneknirschend an. 'Warum hast du dich nicht gegen mich gewehrt, du Bestie!' 'Ich habe mich gewehrt!' sagte sie ruhig. 'Leblos blieb ich für dich. So wahrte ich meine Reinheit und deine teuflische Gier erschöpfte sich für nichts. Und mehr noch ist geschehen. Alles an mir blutet, was nicht mein Gewand aus Sternenlicht schützte, und auch du bist blutig geworden an mir. Immer friedloser, immer rasender, immer sinnloser für deine Gier wirst du deine Kräfte vergeuden müssen, bis du auch das Letzte verbraucht hast und verwehst wie Rauch.'
'So gefährlich soll dein sanftes Blut sein?' schrie der höhnisch. 'Wilderes bin ich gewohnt, das hat mir noch nie geschadet!' Er riß Winnimunth wieder hoch, stürzte mit ihr auf das Haus zu, trat es zusammen und schleuderte sie in das Bruchgewirr. 'Morgen komme ich wieder!' schrie er ihr zu. 'Bis dahin habe ich mir wieder etwas Neues ausgedacht. Glaube ja nicht, daß ich es aufgebe! Wird das ein Vergnügen!'

Am anderen Morgen lag Winnimunth immer noch zwischen den Resten ihrer zerstörten Hütte, mit geschlossenen Augen und hängenden Gliedern. Am Ufer kam wieder der Teufel daher. Er schien übelgelaunt. Die Stirn hatte er in Falten gelegt und die Mundwinkel grämlich herabgezogen. 'Mir ist nicht gut', brummte er, 'was Unverdauliches hab ich gefressen oder... nein, es brennt mich die ganze Haut. Ob doch das verdammte Blut ...?' Langsam kam er herauf und blieb vor Winnimunth stehen. 'He, wach auf!', fuhr er sie an, 'ich bin schon lange auf den Beinen!' Da schlug sie die Augen auf, ihre wunderbaren Augen, die inmitten der Zerstörung noch immer ihr tiefes Licht hatten, den weltweiten Glanz des Sternes ihrer Geburtsnacht.
Doch das berührte den Teufel nicht. Er stieß sie wieder mit dem Fuße in die Seite. 'Mir ist sehr elend' klagte er plötzlich wehleidig. 'Weißt du nichts gegen Leibweh? Oder ists was anderes?' fragte er lauernd. 'Hilf mir, dann will ich dir vielleicht verzeihen, daß du mich gestern so enttäuscht hast!' 'Das kommt von gestern' sagte Winnimunth fest. 'Ich sagte dir schon, du wirst keine Ruhe mehr finden.'
Der Teufel kaute an seiner Unterlippe. 'Mach mich ja nicht zornig!' sagte er drohend, 'bis jetzt hast du mich nur bei guter Laune kennengelernt. Du solltest mich einmal erleben, wenn ich Grund habe, böse zu sein! - Also, wie ist es?'
'Du wirst mein Reich wieder aufbauen!' sagte Winnimunth unbeirrt. Der Teufel schwieg verblüfft. 'Du wirst die Ufer wieder ebnen, die du zerstampft hast, du wirst die Löcher wieder zuschütten, die du aufgewühlt hast, du wirst das Gewürm und die Schlangen, die du aufgestört hast, selbst wieder in seine Grenzen verweisen. Eher wirst du keinen Schlaf mehr finden!'
'Was werde ich?' brüllte da der Teufel auf. 'Bist du wahnsinnig? - Aber ja, ja und dreimal ja!' lachte er plötzlich grell, 'Wort für Wort werde ich deine Forderungen erfüllen! Vertreiben werde ich hier alles Lebendige und zuschütten werde ich alle Löcher, vor allem deinen See!'

Er schleppte Winnimunth jenseits der Uferhügel in eine Höhle. Dort warf er sie in den Hintergrund und stürzte ein Dutzend Bäume als Sperre vor den Eingang. Dann pfiff er alle heran, die ihm untertan waren in der Welt. Geschöpfe mit wenig Vernunft, aber mit Riesenkräften. 'Brecht Felsblöcke da drüben vom Gebirge los und werft sie in den See!' Bald türmten sich haushohe Blöcke zu einem ungefügen Haufen und das vertriebene Wasser überflutete die Ufer. Nicht lang aber konnte sich der Teufel daran vergnügen. In den Schlammgrund des Sees sanken die tragenden Blöcke und bald leckte wieder das Wasser über das Zyklopenbauwerk. 'Hirnloses Volk!' schrie er seine Dienstleute an, 'seht ihr denn nicht, wie dumm ihr gebaut habt? Glotzt nicht so blöde! Auf, reißt die Blöcke heraus und wühlt den Schlamm zur Seite bis auf den festen Grund, und dann baut mir andere Mauern! Bis zum Himmel müssen sie reichen, eher lasse ich euch nicht mehr zu Atem kommen!'
Mit verbissenem Eifer schöpften die Abertausende seiner Sklaven das Wasser des Sees über die Hügel und gruben dann in riesigem Umkreis Schlamm und Erde heraus, bis sie auf Felsgrund kamen. Sie setzten die Blöcke neu ein als feste Grundmauern und schleppten andere, zahllose neue Blöcke heran.
Unaufhaltsam wuchs nun das Teufelsbauwerk. Schon starrten lotrechte Wände turmhoch ins Blaue. Unablässig hetzte der Teufel zur Eile, seine Sklaven wuchteten die neu herangeschleppten Blöcke auf die alten, sie preßten sie aufeinander, daß die Fugen weißglühend zusammenschweißten, immer gewaltigere Blöcke ließ der Teufel darübertürmen und die Grundmauern unter ihnen von neuem verbreitern. Bedrückend breit und verwirrend hoch, ungeschlacht reckte sich nun der Teufelsbau und warf seinen Schatten weithin über die Ebene.
Aber noch war dem Teufel das alles viel zu wenig. Auch der bloße Gedanke an den früheren See, an das Reich Winnimunths sollte ausgetilgt werden, seine Sklaven fügten knirschend Stein an Stein. Nach sieben Tagen und Nächten reckte sich an der Stelle des Sees und weit darüber hinaus ein ungeheures Felsenrund, dessen höchste Türme und Zacken im Sonnenaufgang loderten, während unten noch nächtig schwarzblau der Schatten über die Felsrippen kroch.

Oben auf den Zinnen stand nun der Teufel und spähte über die Welt. Dann kehrte sein Blick zur Nähe zurück, hinüber zur Höhle, in der Winnimunth lag. 'So, das ist aus deinem See geworden! Nun bin ich doch zu meiner Rache gekommen! - Aber noch bin ich nicht ganz zufrieden. Noch tiefer will ich dich demütigen und enttäuschen. Du sollst deinen See haben, aber einen See aus Felstrümmern und Steingeröll!'

Er ließ in der Mitte der ungeheuren Felsenburg die Quadern wieder herausreißen, bis da ein weites, tiefes Rund sich senkte, umgeben von Felsenspitzen, von Wänden, Türmen und Graten. In den Grund hinab ließ er hausgroße Blöcke stürzen, daß sie mit gellendem Krachen zu Kies zersprangen. Dann ließ er daraus Uferränder häufen und Halden bis an die Felswände heran.
Höhnisch lachte er auf. 'Blumen sollst du auch noch haben! Ich tue sogar mehr, als du mir befohlen hast.' Er ließ verdorrte Disteln bringen. biß ihnen die Köpfe und Wurzeln ab und pflanzte sie selbst mit sorgfältiger Bosheit in das Geröll.
Abermals betrachtete er sein Werk. Großartig, grauenhaft, ungeheuer stiegen die Zinnen und Grate gegen den Himmel und fielen die Wände zur Tiefe ab, hinunter in den Felsenkessel, zum Spottbild von Winnimunths See. Lähmende Öde und Hoffnungslosigkeit lag über dem Ganzen, ein höhnisches Totenmal des Lebens. Aber noch war es dem Teufel in seinem Sinne nicht vollkommen genug. Er pfiff seinen Sklaven. 'Holt den Dreck, den Schlamm herauf', befahl er, 'spuckt ihn an die Wände und schüttet ihn über die Türme. Mein Werk soll der Gipfelpunkt des Hohnes und des Ekels sein!'
Der Teufel sah ihnen zu. Er dehnte die Arme und grinste. 'Jetzt will ich die Närrin holen und sie fragen, wie sie mit meiner Wiedergutmachung zufrieden ist!'

Winnimunth lag in der Höhle auf Sand und Geröll, wie sie der Teufel hingeschleudert hatte. Noch versagten die verrenkten Glieder, aber ihre Wunden begannen zu heilen. Sie sah an den sperrenden Stämmen vorbei in den abendblau immer mehr sich ins Unendliche weitenden Himmel. Da knirschte draußen der Kies und der Teufel stand als ungewisser Schatten gegen das Licht. Er riß die Stämme beiseite und kam herein. Mit höhnischer Ergebenheit verbeugte er sich vor Winnimunth. 'Ich habe getan, was du verlangtest, edle Frau!'
Winnimunth sah ihn wortlos an. Da wechselte er jäh den Ton. 'Komm mit, du Null', schrie er, 'ich will dir zeigen, wie der Teufel baut!' Er packte Winnimunth mit schmerzendem Griff und schleppte sie vor die Höhle und auf die Hügelkuppe. Er sah zu seinem Gebirge hinüber. Tiefe Dämmerung lag schon über der Felsenwüste und milderte ihre abschreckende Schroffheit. 'So ist das nichts', sagte er, 'ich will eine Stunde warten, bis der Mond kommt, der harnfarbene Kürbis. Der verzaubert zwar alles mit seinem äffischen Licht, aber um so entsetzter wird das Mädel sein, wenn sie näher zusieht.'
Er schleppte Winnimunth wieder in die Höhle und setzte sich vor den Eingang. 'Müde bin ich zum Sterben', dachte er, 'eine Stunde Schlaf kann ich mir gönnen.' Er setzte sich bequemer und stützte den Kopf in die Hände. Noch im Einschlafen freute er sich hämisch in seiner Teufelsseele. 'So war doch ihre Prophezeiung: Nicht eher wirst du Schlaf finden, bis du nicht alles wieder gutgemacht hast: Wenn das wahr wäre, müßte ich jetzt wach sein wie nie, haha!'

Der Teufel schlief. Er schlief, als der Vollmond hinter dem Gebirge aufgestiegen war, er schlief, als es Morgen und Tag wurde, er schlief wie ein Toter, Nächte und Tage, Woche um Woche. Sonnenschein und Regen gingen über ihn hin, Sturm zauste seine Haare, er regte sich nicht.
Der Mond hatte seinen Lauf durch die Himmelszeichen vollendet und stand wieder voll am Himmel. Da erwachte der Teufel. Am Stand des Mondes sah er, daß es Mitternacht war. 'Die halbe Nacht habe ich verschlafen?' knurrte er ärgerlich. 'Ich wollte doch ... Ach was, am Morgen ist auch noch Zeit.' Er schlief wieder ein. Der Morgen verging und der Mittag. Es wurde Abend. Da erwachte der Teufel abermals. Er sah die tiefstehende Sonne zwischen den Stämmen des Waldes. 'Da geht nun seit heute die Sonne im Westen auf!' sagte er verdutzt. Dann begriff er, daß es schon Abend war. Wütend sprang er auf die Füße. 'Nun aber vorwärts!'
Er zerrte Winnimunth aus der Höhle und hetzte mit ihr seinem Gebirge zu. Bald schritt sie frei und leicht dahin, während der Gang des Teufels schleppend wurde. Die Nacht fiel über die Felsen, während sie emporklommen, Mitternacht ging vorbei, der Weg zu Felsenhöhe dünkte den Teufel endlos. Schon lag der erste Morgenschein auf den Graten. Der Teufel wunderte sich. Eis bedeckte die höchsten Zinnen, Schneefelder lagen in den Karen, der Schlamm, mit dem er alles hatte überschütten lassen, war verschwunden, reingewaschen glänzten die Wände und Türme im Frühlicht. Der Teufel knurrte. 'Nach ein paar Stunden ist schon alles wieder so, als ob nichts geschehen wäre. Liederlich haben die Kerle gespuckt und geschüttet. Ich hätte sie gestern abends nicht so schnell entlassen sollen. - Aber warte nur, Winnimunth, bis wir ganz oben sind!' Hämisch freute er sich auf den Augenblick, in dem der Felsenkessel vom Grat aus offen vor ihren Augen lag, der See aus Kies und Geröll, das Todesgrauen der ewig unfruchtbaren, lebensfeindlichen, felsummauerten Öde.

Sie hatten die Höhe erreicht. 'Komm, nun will ich dir deinen See zeigen', keckerte er, 'ich habe alles aufs beste für dich geordnet.' Er zog sie vor bis an den Innenrand des Grates. Lauernd sah er ihr ins Gesicht, um ihr Entsetzen vor der starren Öde des Abgrunds zu genießen. Kein Zeichen ihrer Qual wollte er sich entgehen lassen. 'Sieh!' raunte er, den Blick glosend auf ihr Antlitz geheftet, und wies mit der Hand zur Seite in die Tiefe hinab. Winnimunths Augen leuchteten auf. Fassungslos wandte er seinen Blick von ihr ab und suchte mit starren Augen die Ursache ihrer Freude. Ein entsetzter Schrei würgte sich aus seiner Kehle. Da unten, wo er nichts wußte als totes Geröll, breitete sich ein lichter Bergsee und glänzte wie ein Himmelsauge zur Höhe herauf.
Fast ohne Besinnung griff er nach Winnimunth und riß sie mit sich in die Tiefe. Aber sie beide hatten jede Erdenschwere verloren. Winnimunth schwebte wie auf Schwingen hinab und der Teufel taumelte wie ein welkes Blatt peinigend langsam dem Grunde zu.
Sie standen am Ufer. Der Teufel starrte mit irrsinnigen Augen umher. In weiter Runde lag der See, blau und durchsichtig rein bis zum Grunde, da lagen die Ufer, mit einem grünen Schimmer bedeckt. Regen und Sturm hatten in den vergangenen Wochen den Schlamm von den Felswänden herabgewaschen und über das tote Geröll fruchtbaren Grund geschwemmt.

Der Teufel stöhnte. Langsam kehrte er sich Winnimunth zu, zitternd vor Enttäuschung und Rachgier. Sie sah an ihm vorbei über die sich wiegende Flut und lächelte über das leise Spiel der Wellen, doch nicht ihr selig unbeschwertes Mädchenlächeln von ehedem. Ihr Antlitz war leidverklärt, erfüllt von einer wissenden Seligkeit, die sich durch alles Leid des Werdenden hindurchgekämpft hatte.
Sie hob die Arme weckend und weihend über die Ufer. Wie ein Klingen von jubelnden Kinderstimmen wehte es über die Halden. Mit einemmal dehnten sich da Narzissenwiesen wie ein wolkenweißer und goldiggrüner Frühlingstag, Berglilien neigten sich dem Morgenwind und herbsüße Steinrosen, da duftete Lavendel und Wohlverleih wie der Hauch des goldbraunen Sommers, da öffnete sich das blaue Himmelswunder der Enziane. Winnimunths Name läutete aus abertausend Blumenkelchen über die Hänge und Halden, hin bis zu den bergenden Felsenwänden, durch ihr ewiges Reich.
Sie stand im webenden Morgenschein und der Teufel starrte sie an. Aus der Höhe loderten die Felsenzinnen. Unten spiegelten die Wasser seeblau den Himmelsgrund und Winnimunths unberührbare Hoheit. Da floh der Teufel vor ihr, den letzten Schatten der Felswand zu. Auf seinem Fluchtweg traf ihn ein Sonnenblitz und er verging wie Rauch. In der Höhe und Tiefe war es verklärter Morgen geworden.

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