Die Insel der Seligen

Wie leises Singen kam es über die Wasser. Vernewahla lauschte weltverloren. Doch das seltsame Tönen war schon wieder verstummt. Nur noch der Frühlingswind zog rauschend meerüber um Hügelkämme und durch Wälderweiten.
Vernewahla lehnte am Stamm einer Silberweide auf einem der Hänge, Sonne und Schönheit der Jugend über Antlitz und Gestalt, doch die Augen von einem Ernst wie aus Urvätertagen vertieft und von unergründlicher Sehnsucht geweitet. Dunkel brannte darin die Schmerzfreude des Schauens in die Ferne und des Suchens im Grenzenlosen. Sein Blick wanderte durch die zerrissenen, wetterwunden Zweige des Baumes über das zarte Grün des Abendhimmels, wo weiße Wolkenbausche wie Anemonenblüten auf einer Waldwiese standen, und ging dann wieder meerüber, wo eben die Sonne über den Wendekreis des Tages sank.
'Wann rufst du wieder, Insel der Seligen, daß ich die Richtung weiß?' Vernewahla breitete die Arme aus und stand erdentrückt lichtumflossen gegen die gelöste Trauer des Untergangs.
Er ließ die Arme sinken und lehnte sich wieder gegen den Stamm der Weide. Zu seinen Füßen lagerte ein Trupp von jungen Männern und Frauen, die bald auf ihn, bald in die Ferne schauten.
Da lag mit einemmal dort, wo noch vor Augenblicken der Strahlenkreis der Sonne geblendet hatte, eine Felseninsel, ein Kranz von schwerelos himmelan strebenden Bergen. Kostbarstes Gold der versunkenen Sonne lastete über ihren Gipfeln wie eine Krone des Lebens.
'Unser Land!' sagte Vernewahla versunken und wies hinüber. Die Blicke der Männer und Frauen folgten seinem ausgestreckten Arm, doch nichts leuchtete auf in ihren Augen. 'Siehst du etwas?' fragte schließlich einer. 'Unser Land', wiederholte Vernewahla. 'Auch ihr werdet es sehen, wenn die Zeit gekommen ist.'
Die Erscheinung war wieder ins Wesenlose versunken. Vernewahla lehnte mit halbgeschlossenen Augen am Stamm der Silberweide.

Da vernahm er hinter der Hügelkuppe ein klägliches Stöhnen wie von einem mißhandelten Tier. Er eilte hinüber und blieb plötzlich wie angewurzelt stehen. Eine baumlange haarige Gestalt saß da auf einer Felsenplatte. Mit der linken schien der Halbmensch rund um den Stein nach irgend etwas zu suchen, während er mit der Rechten beschwörende Gesten über ein Bewegliches auf der Felsplatte machte. Erstaunt kam Vernewahla näher heran. Da sah er, womit sich der Lange so angestrengt beschäftigte. Vor sich auf dem Stein hatte er einige Dutzend Flöhe sitzen, die er mit unnachsichtiger Strenge in Reih und Glied zu bringen trachtete, zugleich aber suchte er verzweifelt erst am Boden und nun am ganzen haarigen Leibe. 'Nummer fünfzehn, der beste Trugschluß-Hüpfer, fehlt schon wieder!' knurrte er. 'Doch für heute verdrießt es mich.' Er setzte sich die Flöhe wieder ins Fell und stand auf.
'Wer bist du denn?' fragte Vernewahla belustigt. 'Ich bin Firimeiluk, der Verstandesteufel!' sagte der Lange stolz. 'Ich ermuntere den Verstand der Menschen zu seinen berechtigten Machtansprüchen. Wo es nach mir geht, ist nichts mehr sicher vor ihm im Himmel und auf Erden. Beißend, saugend und springend erobert er die unendliche Weite des Denkbaren, saugt sie aus und macht sich das Wertvolle daran, das Verständliche zu eigen.' Er wies auf sein Fell, in dem es von Flöhen wimmelte. 'Sieh, wie meine Legionen krabbeln! Unbesiegliche Trugschlüsse, unberechtigte Übertragungen und Gleichsetzungen, ungemein lebensvolle Gedankenspielereien, ungewöhnlich weittragende Formelverklammerungen - das sind meine Kämpfer, die alle Festungen stürmen und die Welt erobern.' Er grinste. 'Es sind natürlich keine gewöhnlichen Flöhe. Es sind hohe Geistwesen, die sich diese unscheinbare Form gewählt haben, um sich unbemerkt überall einschleichen zu können. Aber wer bist du und woher kommst du? Ich verlange genaueste Auskunft, denn du bist in meinem Herrschaftsbereich!' 'Ich bin Vernewahla aus dem Lande unter den sieben Sternen, wo in den dunklen Wäldern die Christrosen blühen.'

'Das ist doch nichts Bestimmtes!' sagte Firimeiluk ärgerlich. 'Da kann man sich doch gar nichts dabei denken! Wie und wo geboren, getauft, beschnitten, geimpft, beschult, Träger von Hosen oder Kittel, Besitzer eines Weibes oder Mannes, Inhaber von Kindern oder keiner, Sklave welchen Staates, welcher Konfession, welcher Partei: Das will ich wissen und zwar peinlich genau!'
'Bei uns gelten solche Fragen für überflüssig und zudringlich.'
'Wie heißt wenigstens das Land, woher du kommst, und welches sind die Gründe und die Dauer des hiesigen Aufenthaltes?'
'Meine Heimat kann ich nicht anders kennzeichnen, als ich es getan habe. Ich bin hierher gekommen, um Menschen zu suchen, die sich nach dem Lebenslichte ewiger Sonne sehnen. Ein solches Land hat der Lichte Geist für uns alle gebaut und ich will es allen zeigen.'
'Und das wäre wo?' forschte Firimeiluk begierig.
'Da drüben gegen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang zugleich, da drüben jenseits des Meeres, jenseits von Zeit und Raum. Den Weg weiß nur ich allein.'
Firimeiluk erwog bei sich: 'Derartige Ideen, so unfaßbar und unglaublich, ja lächerlich sie für den Verständigen sind, gewinnen oft schnell die breite Masse. Man muß ihr nur recht bestechende Vorteile versprechen und durch die richtige Aufmachung den Widerspruch einlullen. Damit ist dann ein Geschäft zu machen und Macht zu gewinnen.' Laut aber fragte er: 'Und die Menschen sind dir gefolgt?' 'Nur wenige.' 'Da haben wir's! Das muß eben ein anderer in die Hand nehmen! Ich habe noch alle großen Menschheitsbewegungen in die richtige Form gebracht, wenn ihre Gründer versagt hatten. Was glaubst du, was die Welt mir allein in dieser Beziehung verdankt? Dogmen und Dienstvorschriften, Kulte und Konventionen, Tiara und Tschako, Bischofsmützen und Adlerfedern, Monstranzen und Paradedegen, Nasenringe und Schulterstücke, Tonsuren und Tätowierungen, Fahnen, Talare, Abzeichen, Amulette, Skapuliere und Maskottchen. Auf das Drum und Dran schauen die Leute!'

In diesem Augenblick rief einer aus der Gruppe auf der anderen Seite des Hügels nach Vernewahla. 'Ah, das sind deine Leute!' sagte Firimeiluk. Er stelzte hinüber. 'Leute!' rief er, 'was ihr bisher getrieben habt, führt zu nichts. Glaubt da meiner Erfahrung. Man muß der großen Masse Eindruck machen, sonst verläuft alles im Sande. Was ich in dieser Beziehung kann, will ich euch gleich zeigen.' Er deutete gegen den Himmel, wo die weißen Wolken nun golden und rot dahinschwebten. 'Seht ihr dieses nutzlose Zeug? Das wird bald anders aussehen!'
Er stemmte sich mit breitgestellten Beinen auf die Erde und wuchs im Handumdrehen bis zur Wolkenhöhe. 'Seht ihr, wie groß ich bin?' rief er hinab. Die Menschen um ihn folgten ihm staunend mit den Blicken von den Füßen aufwärts bis dort, wo sich sein Kopf im Abenddunst verlor. 'Wo du anfängst, ist mir klar', meinte einer, 'aber wo du aufhörst ...' 'Schon gut!' rief Firimeiluk aus seiner Höhe herab, 'seht nun zu.' Er ruderte mit den himmellangen Armen in den goldroten Wolken umher, schob sie zu dicken Ballen zusammen und blies sie landeinwärts, bis sie als schwere schwarze Bänke über dem Hochland standen. 'Das gibt Regen. der die Felder düngt und Nahrung schafft.' Er ließ sich wieder zu seiner vorigen Größe herabsinken. 'Was sagt ihr nun, ihr Dauerzwerge?' fragte er gutgelaunt. 'Gewaltig bist du, Herr! rief einer. 'Du bist freilich ein Führer, bei dem wir sicher sind vor allen Gefahren.' Die Mehrzahl der anderen stimmte begeistert zu. Die Gruppe spaltete sich in Firimeiluk-Anhänger und in solche, die Vernewahla trotz der überwältigenden Macht Firimeiluks treu bleiben wollten.

Firimeiluk nickte seinen Leuten zu. 'Nun wartet hier die Nacht über. Unterdes werde ich wie ein Sturmwind durchs Land fahren, um die nötigen Massen heranzuholen. Um morgen geht es an die Überfahrt!'
In einen riesigen Geier verwandelt stob Firimeiluk über Berge und Ebenen hin und griff sich alle, die sich von ihm greifen lassen wollten. An der Versammlungsstelle, wo die anderen warteten, schüttelte er die Neugeworbenen aus seinem Gefieder, daß sie am Boden durcheinander purzelten. Lachend schrie er Vernewahla zu, der finster das Treiben beobachtete: 'Bei einer solchen Masse kommt es nicht darauf an, wenn sich ein paar die Hälse brechen!'
Am Morgen wartete ein riesiges Aufgebot auf die Überfahrt. Vernewahla stand ganz vorne am Meeresufer, daß die Wellen seine Füße netzten. Die ersten Speerspitzen der kommenden Sonne schimmerten über den Grenzkreis und dort, ja dort lag nun, allen sichtbar, das ferne Eiland mit seinem Bergekranz, die Insel der Seligen, wie ein blaßgoldener Traum. Die Menge erhob ein tobendes Gebrüll und Firimeiluk kreischte vor Begeisterung. Nur ganz wenige schwiegen wie Vernewahla, ergriffen von der jenseitigen Schönheit ihres Wanderzieles.
Vernewahla wandte sich um und gebot Ruhe. 'Zurück alle, die ihr von Gier besessen seid!' rief er in die Menge hinein. 'Dieses Land wird sonst euer Untergang.' Höhnisches Geschrei schlug ihm entgegen. Firimeiluks Stimme gellte: 'Ja, laßt euch nicht irremachen! Unsere Beute da drüben kann uns niemand mehr entreißen. - Seht, da kommen schon unsere Flöße!'
Firimeiluk hatte für alles vorgesorgt. Eine Flotte von riesigen Flößen. bemannt mit Schifferknechten, kam in die Bucht hereingefahren, begleitet von Kähnen mit Unterführern Firimeiluks. Auf den Flößen lagen Haufen von Lebensmitteln, Rudern und Werkzeugen, Waffen, Balken und Brettern. Die am Ufer wartende Menge jubelte. Als sie aber die Schifferknechte und die Unterführer in der Nähe sahen, überkam die meisten ein Grausen. Firimeiluk herrschte die Zaudernden an. 'Laßt euch das nicht anfechten, das sind schon die Richtigen!' 'Aber, Herr', wagte einer zu entgegnen, 'diese Gesichter!' Aus der Ferne hatten die Schifferknechte und Unterführer wie Menschen ausgesehen. Nun aber bleckten ihnen Wolfsgebisse aus den verzerrten Gesichtern und glosende Tigeraugen lauerten. 'Meine Gehilfen müssen eben imstande sein, drüben jeden Widerstand zu brechen, wenn jemand uns entgegentreten sollte.' Damit mußten sich die Bedenklichen zufrieden geben. Vernewahla hatte sich von der wartenden Menge zurückgezogen. Firimeiluk trieb sie nun mit gellenden Befehlen auf die Flöße. Jeder mußte ein Ruder nehmen und seinen Teil zur Überfahrt beitragen. Die Schifferknechte gingen mit Peitschen in der Hand auf und ab und straften mit harten Schlägen jeden, der sich säumig zeigte. Die Unterführer hatten ihre Kähne an die Flöße gehängt und überwachten, genießerisch ausgestreckt, die Schnelligkeit der Fahrt und die Wachtätigkeit der Schifferknechte. Firimeiluk stand in der Mitte des größten Floßes, wie ein siegreicher Feldherr stolz an einen Fahnenmast gelehnt, und freute sich am Stöhnen der willfährigen Menge. Vernewahla hatte sich fern von der großen Flotte ins Meer geworfen und schwamm zur Insel hinüber.
Firimeiluk tobte. Längst schon hatten seine Flöße das fremde Gestande erreicht, aber überall wehrten ihnen starrende Felswände, fast lotrecht ins Wasser abfallend, das Landen. Schon dreimal hatten sie die Insel umfahren. Unter dem hetzenden Geschrei Firimeiluks, unter den Flüchen und Schlägen der Schifferknechte hieben die Ruder ins schäumende Wasser, die Flöße stampften und schlingerten, einige Menschen hingen am Rande im Wasser, sich mühsam festhaltend, da und dort wurde einer losgerissen und verschwand im Gischt.

Da sahen sie Vernewahla am Ufer stehen. Im Schatten überhängender Felsen, nach wenigen Fußbreiten ebenen Ufers, öffnete sich hier ein schmaler Spalt in der Bergmauer, der Eingang zum Inneren der Insel. Diese Stelle, fast unkenntlich im Felsgewirr, hatte Firimeiluk übersehen, da er einen bequemen Zugang zu finden erwartete.
Vernewahla hob die Hand. 'Noch einmal sage ich euch: Zurück! Diese Burg hier ist nicht für euresgleichen. Wer wider das göttliche Recht über die Schwelle, auf der ich stehe, seine Füße setzt, wird ausgelöscht werden in allen Lebensbereichen.'
Eine kleine Gruppe auf einem der Flöße schwieg und sah mit gläubigem Vertrauen auf Vernewahla. Die übrigen erhoben ein höhnisches Gekreisch. Firimeiluk riß eines der schweren Ruder hoch und schleuderte es auf Vernewahla. Der fing das sausende Geschoß mit der Rechten auf und hielt es vor sich hin. Dann zerbrach er es in drei Stücke und warf sie Firimeiluk vor die Füße.

Die Flöße hatten sich aneinander geschoben, daß sie eine einzige Fläche bildeten. Firimeiluk stand ganz vorne und um ihn drängte sich alles, was vor Gier nach dem fremden Gestade bebte, die Unterführer, die Schifferknechte und ein Teil der übrigen. Was sich nicht um Firimeiluk scharte, wurde in den Hintergrund gestoßen. 'Wartet hier, bis ich wiederkomme!' rief Vernewahla diesen anderen zu, dann wandte er sich und schritt voran durch die Felsenspalte.
Firimeiluk sprang mit einem Satz ans Ufer. Als er wieder festen Boden unter den Füßen spürte, atmete er insgeheim auf. Er scheute das Meer und hatte es auch frührer nie zu überfliegen gewagt. Vor der Spalte zögerte er. Aber in blinder Gier umdrängte ihn sein Gefolge und stieß ihn vorwärts. Der Weg wurde allmählich breiter, die Dunkelheit des Felsen-Durchlasses lichtete sich und nun lag das weite, freigespannte Innenrund der Insel vor ihnen. Brüllend stürzten sie vorwärts.
Vernewahla war indessen durch das Innere der Insel geschritten, schnell wie von Flügeln getragen, denn auf ihm lastete keine Erdenschwere mehr. Er schritt einem Berge zu, dessen weiße und marmorgraue Wände bis zur Wolkenhöhe stiegen. Um seine Gipfel herum brach es aus hundert goldenen und flammenfarbenen Augen wie Sonnenlicht. Vernewahla schritt durch Hallengänge von Blütenbäumen, durch den sehrenden Hauch ihrer weißen und rotbehauchten Dolden hinaus auf samtgrüne Matten, die wie Stufen zum Berge führten. Ihre Steilhänge leuchteten von tiefrotem Steinbrech und silbernen Rauten, im Gras der Matten bluteten Nelken wie ein Mund in Liebesweh, um Steine und Stämme hingen goldene und abendblaue Becher unirdischen Blütengeranks. In einer Senke zwischen den Matten atmete smaragdgrün und türkisblau ein See, umrundet von Birken und Tannen, deren frühlingslicht flatternde Gewande und winterlicher Todesernst sich schwesterlich in den Uferwassern spiegelten. Vernewahla schritt weiter, an einem einsamen Felsenturm vorüber, der wie ein Mahnmal den See überschattete, dem Berge zu, dessen leuchtende Krone über die ganze Insel ihre Lichtwellen goß.
Da erblaßte plötzlich ihr Licht zu stumpfem Metallglanz. Firimeiluk mit seiner Schar hatte das Innere der Insel erreicht. Mit schnellen Blicken spähte Firimeiluk überall umher und wies entzückt auf die Krone des Marmorberges. 'Seht ihr, Leute', kreischte er, 'Gold, Gold! Ha, unsere Fahrt hat sich schon jetzt gelohnt! Schnell, holt Hämmer, Meißel und Brechstangen von den Flößen. Wir wollen heute noch den Schatz locker machen!'

Da stand plötzlich Vernewahla vor ihnen. 'Ich habe euch ein letztes Mal zu warnen. Nehmt die Insel in Besitz, wie ihr es vermögt. Aber vergreift euch nicht an der Krone des Berges. Sie ist nicht aus irdischem Golde, wie ihr meint. Ihr werdet ...' Die Menge schrie ihn nieder. 'Haha, wir lassen uns nicht anlügen. Wir sehen es deutlich genug. Herunter mit dem Gold!' Da gab ihnen Vernewahla abermals den Weg frei.
Schnell hatte Firimeiluk mit einer Rotte seiner Anhänger das Felsband vor der Krone des Berges erreicht. Als ihn die anderen oben stehen sahen, ohne daß ihm etwas geschehen war, folgten auch sie. Bald drängte sich die ganze Schar unterhalb des Gipfels und starrte jetzt mit wollüstigem Gruseln, zitternd vor Goldgier und Zerstörungssucht, auf die Arbeit Firimeiluks und seiner nächsten Mithelfer. Er hatte sich einen Hammer reichen lassen und selbst den ersten Schlag gegen das stumpf blinkende Gestein geführt. Nichts war geschehen. Triumphierend hatte er den Heraufsteigenden zugeschrieen: 'Seht ihr, was die Drohungen dieses Gernegroß wert sind?' Nun ließ er eine Brechstange ansetzen und mit Hammerschlägen in das Gestein treiben. Überraschend schnell wich es, breite Risse liefen nach allen Seiten. Wieder stieß Firimeiluk ein triumphierendes Geschrei aus und die anderen stimmten mit ein.
Da erschütterte plötzlich dumpfes Grollen die Bergkuppe. Die Brechstange erzitterte und fiel aus ihrem tief gegrabenen Bett im Gestein. Neue Risse taten sich auf. Die Menschen waren entsetzt zurückgewichen. Da traf sie Firimeiluks Gelächter wie ein Peitschenhieb. 'Ihr ängstlichen Tölpel!' kollerte er, 'seht ihr denn nicht, daß der Berg selbst unserer Absicht zu Hilfe kommt! Er will ja seines Goldes beraubt sein. Heran, ihr alle, setzt die Brechstangen ein und stemmt die goldenen Blöcke vollends auseinander!'

Dutzende von Brechstangen fuhren wie vor Gier erstarrte Schlangen in die auseinanderklaffende Krone des Berges. Die vordersten Blöcke lösten sich vollends aus ihrem Zusammenhang und glitten auf das Felsband herab. Dahinter stand es wie eine golden durchsichtige fugenlose Wand. 'Weiter!' hetzte Firimeiluk seine Werkleute an, 'es kommt immer schöner!'
Die Menschen zögerten noch. Da ergriff Firimeiluk einen Hammer und führte selbst wieder den ersten Schlag. 'Tu dich auf, goldene Pforte!' schrie er. Beifallsgekreisch antwortete ihm. Gierig drängten die Menschen heran. Wieder wuchteten Dutzende von Brechstangen und wieder drang ein dumpfes Grollen aus der Kuppe des Berges. Firimeiluk und seine Helfer erhoben ein Hohngeschrei. 'Das war der letzte Seufzer! Drauf!'

Mit einem schneidenden Klirren zerbarst die glashelle Wand von oben bis unten, ein blendendes Feuermeer brach hervor, ein alles Lebendige verzehrender Glutstrom warf sich in Augenblicksschnelle über das Felsband und die Steilhänge des Berges, der ganze Berg vom Tal bis zum Gipfel erzitterte in bläulich loderndem Licht, ein Strom von Flammenstrahlen schoß bis hinab zum See und einte sich brausend mit ihm bis hinab in den tiefsten Grund.
Vernewahla hatte inzwischen die Seinen von den Flößen auf die Insel geführt. Sie kamen zum See. Über ihnen stand makellos, schneesilbern und Marmorweiß der Berg. Auch der See war verwandelt. Seine Ufer säumten nicht mehr Wasser ein. Durchsichtiges, dämmerblaues Feuer atmete in seinem Rund.

Vernewahla ließ die Seinen nahe dem Ufer warten und verließ sie. Bald stand er über ihnen auf dem Felsenturm am anderen Ufer. Ein feuerblaues Spiel von Flammengeistern umzuckten den Turm. Vernewahla neigte sich herab. 'Ihr sollt hier wohnen und allen, die noch drüben jenseits des Meeres in gläubiger Sehnsucht leben, eine Stätte bereiten. Zu ihrer Zeit will ich ihr Führer sein. Auch die Krone des Berges wird wieder golden leuchten, wenn keine Gier mehr nach dem flammenden Lichte strebt. Bis dahin aber will ich selbst dieses Eiland schützen vor den Halbvollendeten und vor den Schätzesüchtigen.
Er trat vor bis an den Rand des Turmes und sah herab in die feueratmende Tiefe. Dann breitete er die Arme aus und sprang hinunter in den plötzlich nachtblauen dunkelnden Grund. Über die aufbrandende Tiefe hin zuckte ein geisterfahles Leuchten und erlosch.
Dann hob es sich wie ein goldlichter Schleier aus der noch leise wogenden Flammenschale und legte sich um den Gipfel des Berges, wurde eins mit ihm und versank wie ein Nebelhauch.
Durch die steigende Nacht fuhr mit leisem Brausen der Westwind herauf, die Arme voll Feuerlilien, und schüttete sie über die Grenzhöhen der Insel als ein versöhnendes Lächeln von irgendwo her. Am Gipfel droben über dem See schimmerte es nun wie schleierverhülltes tiefrotes Ampellicht, wie eine Krone aus blutenden Lanzenspitzen und dunkel glühendem Edelgestein, in die Tale über dem Meere rufend zu Hoffnung und Vertrauen, jenseits der Sinne aber in eine Ferne weisend, wo kein Stern mehr stirbt.

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