Ingemin

... Es zog ein Reiter seines Weges im Morgenlicht. Silbern spannte sich der Himmel über die verhalten raunenden Wälder und die Straße lag weithin im ersten Schein der Frühe. Suchend ging der Blick des Mannes über die Höhen. Da lag einsam ein Hof am Osthang. Der Widerschein des Morgenlichtes in den Fenstern hielt seine Blicke fest.

Ein Holzfäller war aus dem Wald auf die Straße getreten und besah sich den Reiter. Schließlich kam er heran und nickte ihm zu. ‘Willst du da hinauf? Der Herr wird dich brauchen können.’ ‘Brauchen können?’ wiederholte der Reiter fragend, ‘ich suche keine ruhige Arbeit.’ Der Holzfäller lachte: ‘Danach siehst du auch nicht aus, und wenn dich das beruhigt: Gefahren findest du hier genug, denn wir leben im Grenzland, wo die Waffe mehr gilt als Geld und Besitz. Nun, überleg es dir’ sagte er mit kurzem Abschiedsgruß.

Der Reiter sann: Narben trage ich viele, Gefahren, Sorgen und Not waren meine Herzgenossen Tag und Nacht seit Jahrzehnten. Rückwärts, fort von der Grenze, mag wohl Sicherheit sein. Aber mein Herz ruft mich ins Grenzland. Nirgendwo sonst passe ich hin. Ich wills mit dem Herrn da droben versuchen. Vielleicht find ich dort endlich eine Heimat, gerade im friedlosen Land.

Er ritt weiter, bis sich an einer Kehre die Straße teilte. Zur rechten Hand führte sie schmal, steinig und steil hinauf zu dem Haus auf der Höhe, zur linken Hand zog sie sich, die Höhen der Grenze vermeidend, breit hinaus in die Ebene, Dörfern und Städten zu, deren Häuser mit glitzernden Fenstern einladend lockten.

‘Ich habe mich ja schon entschieden’ sagte der Reiter und lenkte sein Roß auf die steile Straße, der Höhe zu. Bald begann sein Roß zu keuchen. Er sprang ab und führte es am Zügel neben sich her. Selbst mühsam atmend gewann er schließlich die Höhe. Ein verschlossenes Tor sperrte ihm den Weiterweg. Nach beiden Seiten zog sich eine Umfassungsmauer und mochte sich jenseits des Hanges, an dem das Haus lag, zum Ring schließen.

Aus dem Tore trat ein Wächter und musterte den Fremden. ‘Was willst du?’ ‘Ich will zu deinem Herrn, ich suche Arbeit hier oben bei euch.’ ‘Tritt ein, aber Waffen und Roß mußt du bei mir zurücklassen. Du erhältst sie wieder, ob du nun bleiben oder wieder gehen willst.’ ‘Ihr fordert viel Vertrauen!’ ‘Stehe ich nicht ungedeckt und waffenlos vor dir, einem Fremden? Mein Vertrauen ist größer als das deine!’

Wortlos löste der Fremde sein Schwert vom Gürtel und reichte es dem Wächter zusammen mit dem Zügel seines Rosses. Der Wächter schloß ihm das Tor auf und der Fremde ging auf das Haus zu. Sein Eingang stand offen.

Er setzte eben den Fuß auf die Schwelle, da trat ihm ein Mädchen entgegen. ‘Ich heiße Winfried’ sagte der Fremde, ‘und suche Arbeit bei euch. Willst du mich zum Herrn führen?’ ‘Ich bin der Herr dieses Hauses und der Höhen hier.’ Überrascht fuhr er auf: ‘Aber du bist ja so unscheinbar gekleidet wie eine Magd?’ ‘Ja’, sagte sie und sah ihm in die Augen, ‘so ist es. Willst du deshalb umkehren oder willst du mir dienen?’ Winfried straffte sich. ‘Ich will dir dienen’. sagte er, ‘denn deine Augen sind die eines Königs.’ Sie gab ihm die Hand. ‘Nenne mich Ingemin, nichts weiter.’

Nun führte ihn Ingemin hinauf zur Höhe des Hanges und wies ihm die Täler und Berge ringsum. ‘Der Herr dieser Höhen ist Herr des ganzen Reiches. Es sind meine Höhen und es ist mein Reich. Doch übe ich selbst keine Herrschaft aus. Jede Macht habe ich den Menschen überlassen, die mir dienen. Nun wähle selbst, wie du mir dienen willst. Du kannst wie die meisten anderen dir in der Ebene dort eine Heimstatt suchen und statt meiner den Fürstenmantel tragen als Schützer und Mehrer des Reiches, du kannst dich aber auch, wie es die wenigen Toren tun, dem geringsten meiner Untertanen gleichstellen und die Arbeit und den Alltag mit ihnen teilen, bis ich dir Anderes zuweise. Wenn du so wählst, dann mußt du deine Heimstatt da bei mir auf dem steilen Berge suchen. Abstieg und Aufstieg, dein täglicher Weg zur Arbeit und zum Hause, wird dann sehr mühsam sein.’ ‘Diese Art will ich wählen,’ sagte Winfried, ‘und einer der wenigen Toren sein.’

Ingemin trat wieder in das Haus zurück. Er blickte ihr nach. Nun fühlte er erst, daß bei dieser Begegnung etwas in ihm emporgeschlagen war wie eine Flamme, und daß es nun in seiner Seele aufstieg wie ein Stern der Heiligen Nacht.

An einem Abend stand Winfried auf der Umfassungsmauer und sah über die Wipfel auf die seltsamen Wolken, die der Wind in Eile dahintrieb. Grün und gläsern spannte sich der Himmel und in den Wolken leuchtete es wie Widerschein aus fernen Ländern. Da kamen zwei Reiter den Steilweg herauf zum Burgtor. Der Wächter ließ sie ein und Winfried sprang zu ihnen herab in den Hof. Er kannte sie, denn sie dienten Ingemin gleich ihm. Sie nickten ihm zu. ‘Wir sind für heute abend hierher beschieden worden. Weißt vielleicht du, warum? Etwas Neues liegt in der Luft.’ Winfried schüttelte den Kopf. Da trat Ingemin aus dem Hause zu ihnen. ‘Wollt ihr drei etwas Größeres für mich tun als bisher?’ Die drei riefen wie aus einem Munde Ja. ‘Ich will dem Reiche nun wieder einen Herrn geben, der das Ganze einen soll. Wie ich alle kenne, so kenne ich auch euch. Einer von euch wird es sein. Damit aber die Gerechtigkeit meiner Wahl auch allen anderen offenbar wird, verlange ich eine letzte Bewährungsprobe von euch. Wer das Größte für mich tut, wer meinen innersten Willen errät, dem soll meine Hand gehören und mit ihr die Führung des Reiches. In einem Jahr, an diesem Tag, um die Stunde des Sonnenaufgangs, tretet ihr wieder vor mich. Dann wird sich zeigen, wer mein Herz begriffen hat.’

Ingemin trat ins Haus zurück. Die Drei standen allein. Die beiden anderen stießen sich an: ‘Wir wollen uns beraten.’ Sie ließen Winfried stehen und schritten langsam zum Tore. ‘Der da’, sagte der eine und wies verstohlen auf Winfried, ‘ist ein Träumer. Er wird selbst nichts zuwegebringen und kann auch uns nichts nützen. Er soll seine eigenen Wege gehen. Wir aber wollen beisammenbleiben und uns gegenseitig fördern, wenn auch schließlich nur einer gewinnen kann. Der andere aber soll dann seine rechte Hand sein. So kommt jeder zu dem Seinen.’ ‘Das soll gelten,’ gab der andere zurück, ‘und ich weiß auch schon, was wir tun müssen. Was kann es Größeres für einen Herrn geben als die Vermehrung seiner Macht? Zugleich beweisen wir so unsere Eignung als die späteren Führer des Ganzen. Komm, wir wollen keine Zeit mehr versäumen!’

Winfried war indessen wieder auf die Umfassungsmauer gestiegen. Allein im schwindenden Abendlicht faßte er seinen Entschluß: ‘Ich will einen suchen, der würdig ist der Hand Ingemins und der Führerschaft des Reiches, und will ihn für sie gewinnen. Anderes könnte mir nicht in den Sinn kommen. So muß es ihr Wille sein.’

Durch die Wüsten des Zweiströmelandes und an seinen Gärten vorbei trabte ein Reiter, durch das Menschengebraus seiner Städte und durch weltferne Einsamkeit, durch Stürme und Sonnentage. Verzehrende Ungeduld, Hoffnung und Enttäuschung trieben ihn vorwärts. Winfried verbrannte in rastlosem Suchen, in Sehnsucht und Verzweiflung. Fast hatte sich schon das Jahr gerundet. Da fand er in einer großen Stadt einen Mann, wie er ihn suchte. Er fragte nicht wie alle anderen töricht verliebt oder mit kaum verhehlter Lüsternheit nach der Schönheit Ingemins, er fragte nicht nach dem Ausmaß seiner Macht, die ihm mit ihrer Hand zufallen sollte, er fragte nur nach den Pflichten seiner Führerschaft, nicht nach seinen Rechten. ‘Er ist besser als ich, ‘sagte sich Winfried, ‘er scheint unwandelbar stark, ruhig, klug, besonnen. Er ist kein Träumer wie ich.’ Dennoch blieb ein Zweifel in seinem Herzen. ‘Es ist schwer, ihm ganz zu vertrauen. Er ist zu verschlossen. Ist es Weisheit oder List, die ihn über vieles schweigen heißt? Aber Ingemin wird ihn besser erkennen als ich.’

Es war die letzte Nacht vor dem Morgen der Entscheidung. Der Fremde ritt in stolzer Würde zur Rechten Winfrieds, des Ausgangs der Entscheidung und seiner königlichen Bestimmung unerschütterlich gewiß. Im Morgengrauen lenkten sie in die Straße ein, die zur Burg, zum Haus am Berge führte. Nahe vor der Straßenkreuzung holten sie die beiden anderen ein, die gleich Winfried ausgezogen waren, um sich zu bewähren. Auch sie schienen sehr siegessicher, denn sie dachten mit Recht: ‘Die Erfolge, die wir für Ingemin erreicht haben, für ihre Macht in ihren Ländern, sind schwerlich zu überbieten.’ Nun begrüßten sie Winfried. Den Fremden streiften sie mit erstaunten Blicken. Er kam ihrer Frage zuvor und wies auf Winfried. ‘Dieser da wird für mich zeugen. Wir wollen weiterreiten.’ Sie kamen an die Straßenkreuzung. Eben wollten sie in den Weg zur Höhe einbiegen, da brauste von der anderen Seite her ein Trupp Reiter an ihnen vorbei, ein Dutzend oder mehr. Einer von ihnen hielt ein Mädchen vor sich auf dem Sattel fest, eine Bauernmagd ihrem Aussehen nach. Flehend streckte sie die Arme nach dem kleinen Trupp am Burgweg aus, ein verzweifelter Schrei, schon waren sie vorüber, gedeckt von einer Staubwolke, in der das Hufgetrappel verklang. Winfried riß sein Roß herum, um ihnen nachzusetzen, da fiel ihm der Fremde in die Zügel. ‘Du Narr!’ fuhr er ihn an, ‘wegen einer Bauernmagd willst du die Frist versäumen? Zudem sind sie weit in der Übermacht. Du reitest mit uns, ich brauche dich, du mußt mich vor Ingemin bezeugen!’

Die anderen hatten schon ihre Rosse in Trab gesetzt und waren weiter zur Höhe hinauf geritten. Winfried riß die Zügel seines Rosses aus den Händen des Fremden. ‘Reite den anderen nach!’ schrie er, ‘ich kann nicht anders. Hier bin ich gerufen.’ Er fegte die Straße hinab, der fernen Staubwolke nach. Der Fremde schüttelte ärgerlich den Kopf und trieb sein Roß an, die anderen vor ihm auf dem Bergweg einzuholen. ‘Wenn man das Große will,’ sagte er zu sich selbst. ‘darf man sich nicht von kleinigkeiten ablenken lassen. Winfried ist ein Narr. Nun werde ich eben ohne ihn vor Ingemin meinen Wert ins rechte Licht setzen müssen.’

Zur bestimmten Stunde, zur Zeit des Sonnenaufgangs. traten die Drei vor Ingemin. Sie stand auf der Schwelle ihres Hauses. ‘Wo ist Winfried?’ fragte sie den Fremden. ‘Ich komme an seiner Stelle,’ antwortete er, ‘er hat mich selbst dazu ausgewählt!’ ‘Warum ist er nicht mitgekommen?’ ‘Er sollte es, um mein Zeuge zu sein, aber noch in der letzten Stunde hat er versagt!’ ‘An der Straßenkreuzung unten ist er uns ausgerissen’, sagte einer der beiden anderen, ‘um einer Bauernmagd das Bett eines Weiberhelden zu ersparen. Er hat deinen ausdrücklichen Befehl trotz unserer Warnung mißachtet, hier um diese Stunde vor dir zu erscheinen. Nun brauchen wir ihn nicht mehr.’ Ingemin wehrte ab. ‘Das überlaßt mir. Wir wollen mit der Entscheidung warten, bis auch er hier erscheint.’ Die anderen murrten. ‘Offene Befehlsverweigerung, Auflehnung gegen dein ausdrückliches Gebot! Wie sollte er sich da rechtfertigen können? Nun, sie erwartet ihn eben zum Gericht über ihn. Wir sollten ihn gefesselt einholen, das wäre das Richtige!’ Aber sie fügten sich.

Die Sonne stand im Mittag. Da kam Winfried durch das Burgtor. Sein Gewand war zerfetzt und blutbefleckt, seine Stirn hatte ein Schwerthieb gestreift, quer über seine Brust zog sich ein blutiges Mal, von einem Wurfspeer gerissen, eine Hand war von einem Dolchstich durchbohrt. Er trat zu den drei anderen, die im Schatten des Hauses saßen. ‘Wo ist Ingemin?’ fragte er sie. ‘Du hast Ingemin und uns viele Stunden warten lassen’, gab der Fremde zurück, ‘warum hast du es jetzt so eilig? Wo ist übrigens dein Roß geblieben?’ ‘Es ist bei dem Kampf erstochen worden.’ ‘War das Mädchen wenigstens schön, das dir so in die Augen stach? Hat sich deine Torheit, die Mißachtung deines Auftrags, deine Pflichtvergessenheit Ingemin und mir gegenüber wenigstens gelohnt?’ ‘Gelohnt? Ich habe sie einfach zurück in ihr Haus gebracht und bin hier herauf gestiegen. Sicher ist sie schön, sonst hätte sie nicht die Begierde der Räuber gereizt.’ ‘Nun gut, verschwinde jetzt und säubere dich wenigstens notdürftig. Oder wagst du es in diesem Aufzug, wie ein Straßenräuber vor Ingemin zu erscheinen? Es ist schon genug, daß du unsere Augen damit beleidigt hast.’

Da trat Ingemin zu ihnen. Mit unbewegtem Antlitz faßte sie die vier ins Auge. ‘Nun gebt mir Rechenschaft. Was habt ihr in diesem Jahre für mich getan? Sprecht erst ihr beide, dann der Fremde und Winfried.’

‘Wir haben drei große Städte fest unter deine Herrschaft gebracht. Keine Stunde durften wir müßig sein, und es bedurfte des äußersten Einsatzes unserer Kräfte, um alle Gegner auszuschalten. Ich stellte die zündenden Ideen bei und mein Gefährte hier legte die Art der Ausführung fest. Nun steht es bei dir, welchem von uns beiden du die Palme des Sieges und deine Hand reichen willst.’ ‘Man hat mir erzählt,’ entgegnete Ingemin, ‘daß ihr auch zu Trug und Gewalt gegriffen habt, um euer Ziel zu erreichen.’ ‘Wir taten es für dich, nur für dich, für deine Macht und Herrlichkeit. Der Erfolg spricht eindeutig für uns!’

Ingemin wandte sich zu Winfried: ‘Und du?’ ‘Ich habe einen Herrn gesucht, der deiner Hand würdig sein sollte, den Besten und Stärksten von allen. Hier steht er. Nun entscheide du selbst. Ich hielt es für meine Aufgabe, ihn zu suchen und zu dir zu bringen, zur Stunde, die du für uns alle bestimmt hast. Laß mich nun zurücktreten, denn ich habe noch am Ende des Weges versagt und die Frist nicht eingehalten.’

Nun fragte Ingemin den Fremden: ‘In welcher Art hast du dich bewährt?’ Er gab stolz zurück: ‘Dieser da, so herabgekommen er jetzt aussieht - Winfried heißt er wohl - muß meinen Wert vor dir bezeugen! Zu einer besonderen Bewährung hatte ich bis jetzt noch keine Gelegenheit.’

Ihre Augen flammten auf. Verzehrendes Feuer schlug aus ihnen. ‘Du hattest die Gelegenheit, zugleich mit den drei anderen und zu denselben Bedingungen. Was du, Winfried, für diese Magd getan hast, das hast du mir selbst getan. Was ihr drei anderen für sie nicht getan habt, das habt ihr mir selbst nicht getan. Geht, ich kenne euch nicht mehr!’

Die Vier standen fassungslos. Ingemin wandte sich zu Winfried und nahm seine Hände in die ihren: ‘Komme nun zu mir, in deine Heimat.’

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